sculptor
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   Dr. Bernhard Holeczek - Eröffnungsrede zur Ausstellung "KUBUS" im Kunstverein Ludwigshafen e.V. Februar 1994
Erneut stellt sich die Frage nach Prioritäten: Was war zuerst da: das Ei oder Die Henne? Auf unsere Situation umgemünzt: die Malerei und Zeichnung oder die Skulptur? Ein Kunstlexikon von 1961 entscheidet diese Frage wie folgt: " Die Geschichte der Bildhauerkunst beginnt mit der Geschichte menschlicher Kultur überhaupt." Heiner Thiel entscheidet diese Frage für sich überhaupt nicht, wenngleich er keine Einwände dagegen erhebt, der Kategorie, dem Fach Bildhauerei zugeschlagen zu werden. Der Kunsthistoriker Werner Hofmann wagte 1957 die Hypothese, daß "Malerei und Plastik sich zu einem neuen Gestaltzeichen verschwistern werden". Und 1969 ließ er - sich selbst auf die Schulter klopfend - das Resümee folgen: "
Das ist eingetroffen." Da sind wir heute, 1994, und nicht erst seit heute, garnicht mehr so sicher. Zwar meinte Werner Hofmann mit solcher "Verschwisterung" die Entstehung des Objekts, der Objektkunst, doch keinesfalls ging damit das nicht erst durch ihn eingeläutete Ende von Tafelbild und Skulptur einher. Zwar haben die Kategorien und ihre Kriterien an Strenge, Abgrenzung und Ausschließlichkeit starke Einbußen erlitten, doch dergleichen bedeutet jedoch eine Befreiung von Zwängen und ein Mehr an künstlerischer Autonomie und Freiheit.
Man kann versuchen, es sich einfach zu machen, indem man sagt: Skulptur ist dreidimensional, Malerei und Zeichnung sind zweidimensional. Allerdings wäre eine solche Formel heutzutage ebenso falsch wie sie simpel ist. Damit wäre nicht nur darauf angespielt, daß beispielsweise Richard Serra sein graphisches Werk als integralen Bestandteil seines skulpturalen Programms begreift, gar nicht zu reden von Joseph Beuys, dem die gesamte Menschheit eine einzige "soziale Plastik" bedeutet, sondern ebenso auch hier und heute in der Begegnung mit der künstlerischen Arbeit von Heiner Thiel, die sich gleichfalls den gängigen historischen Klassifizierungen mit ihren vordergründigen Gesetzmäßigkeiten entzieht. Im Gegenteil: Heiner Thiel spielt mit solchen Kriterien, ironisiert sie, indem er sie auf den Kopf stellt, sie schalkhaft überlistet und dabei sich mit dem betroffenen Betrachter augenzwinkernd verbündet. Dennoch ist mit solchem Tun keineswegs die Prophetie vom "Ende der Skulptur" verbunden, sondern lediglich deren Erweiterung um eine zusätzliche Dimension. Oder womöglich gar um deren mehrerer...?Ist nach herkömmlicher Vorstellung die Bildhauerei der Malerei und Zeichnung allein schon deshalb überlegen, weil sie Körperhaftigkeit und Räumlichkeit.....
real darzustellen vermag, und diese nicht durch illusionistische Taschenspielertricks - wie etwadie Anwendung der Perspektive einer wäre - vortäuschen muß. Diesen vermeintlichen Vorzug seines Mediums stellt Heiner Thiel in Frage, indem er ihn, wie gesagt, auf den Kopf stellt. Das beginnt schon bei der Dimensionierung der Werke, womit hier nicht groß oder klein gemeint sein wollen, sondern ihre Höhe bzw. Tiefe ebenso wie das Maß ihres Ausgreifens in die dritte Dimension, ihrer Loslösung also von Wand oder Boden. Deshalb hätten solche Wand- oder Bodenskulpturen ehedem mit Fug als Reliefs bezeichnet werden dürfen. Heute sind wir darin etwas verunsichert und sprechen von Wand- oder Bodenskulpturen bzw. -plastiken. Wie weit damit auf Distanz zur klassischen Definition von Skulptur gegangen wird, belegt erneut das eingangs zitierte Kunstlexikon von 1961 (!): "Wie das Bild durch seinen Rahmen von seiner Umgebung isoliert wird, so bedarf auch das Bildwerk (so bezeichnen konservative Kunsthistoriker auch heute noch eine Skulptur oder Plastik) einer Isolierung durch Sockel, Konsole, Postament. Weitere Isolierungs-möglichkeiten sind Aufstellung unter einem Baldachin, in einer Nische oder einem architektonischen Gehäuse (Tabernakel)." (Es wäre wirklich zum Lachen, sich eine der Skulpturen von

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